Benjamin Quaderer ©Jens Oellermann

Benjamin Quaderer erhält den Uwe-Johnson-Förderpreis 2021

Der mit 5.000 Euro dotierte Uwe-Johnson-Förderpreis 2021 wird Benjamin Quaderer für seinen Roman »Für immer die Alpen« (Luchterhand Literaturverlag) verliehen. Die fünfköpfige Jury wählte aus einer Vielzahl an eingesandten Debüts aus den Bereichen Prosa und Essayistik den diesjährigen Preisträger aus. Die feierliche Preisverleihung findet im Rahmen der Uwe-Johnson-Tage am Freitag, dem 24. September 2021, um 19:00 Uhr im Schauspielhaus Neubrandenburg statt.

Die Jury begründet ihre Entscheidung für Benjamin Quaderer folgendermaßen:

Der Roman stellt eine überragende literarische Leistung dar, die sich vor allem in der Komplexität der verwendeten Mittel zeigt und als Leistung eines Debütanten staunen macht. Unterschiedliche Darstellungsweisen werden ganz im Sinne von Uwe Johnson in einer Weise eingesetzt, dass die Geschichte sich „die Form auf den Leib gezogen“ hat. Benjamin Quaderer gelingt es, eine im Kern verbürgte und medial dokumentierte Lebensgeschichte einer authentischen Person vollständig in eine literarische Fiktion, mithin in Literatur zu „überführen“. Der am Ende des Romans gegebene „Rechtliche Hinweis“, mit dem der Autor für sich die Form des Romans gegen reales Geschehen in Anspruch nimmt, ist überzeugend eingelöst. Über seine im besten Sinne artistische Darstellung macht der Autor aus einem Kriminalfall einen Schelmenroman, der die Geschichte der Erzählerfigur konsequent mit genauso viel Witz wie Ernst in den Konflikt zwischen Hochstapler und Whistleblower bringt. Wenn der Roman – wie im Text ausgewiesen – einem Satz von Jorge Louis Borges folgt, wonach „die Identität eines Menschen in seiner Erinnerung liegt“, überzeugt die „innere Wahrheit“ von „Für immer die Alpen“. Johann Kaiser, die Hauptfigur, wird sich unter Bezug auf die Geschichte des Weltumseglers James Cook bewusst, was geschieht, „wenn man seiner Geschichte beraubt wird“. Er sieht sich gezwungen, Verfälschungen zu korrigieren und durch das Erzählen der Geschichte die Deutungshoheit über das eigene Leben zurückzugewinnen. Dass dabei über Erinnerungen eine ‚Wahrheit‘ konstruiert wird, korrespondiert mit Uwe Johnsons literarischem Verständnis, der von „Tricks der Erinnerung“ spricht und seine Person Gesine aus den „Jahrestagen“ hoffen lässt, dass das „Gedächtnis das Vergangene doch fassen könnte in Formen, mit denen wir Wirklichkeit einteilen!“ Benjamin Quaderers Erzähler macht in diesem Zusammenhang eine Maxime stark, die für das Schreiben gilt und den Prozess der Erschaffung von Welten so faszinierend macht. Für einen Schriftsteller ist eine „ungewisse Faktenlage nicht weiter schlimm“, denn er „kann auf seinem Gedächtnis aufbauend ja einfach erfinden“. Die Anmutung, sich mit seiner Johann-Kaiser-Biografie im Umfeld einer medienbewährten Sensationsstory zu bewegen, konterkariert der Autor durch den Einsatz eines unzuverlässigen Erzählers, was ein genaues Lesen notwendig macht. Die Geschichte, die Benjamin Quaderer erzählt, führt hinein in Gegenwärtiges, schärft den Blick auf Wirklichkeit und motiviert die Leser gerade durch die Zuspitzung und Verfremdung der Uwe-Johnson-Frage nachzugehen: „Aber wollen wir so leben? Stimmt das?“

Der Jury gehören an: Gundula Engelhard (Geschäftsführerin der Mecklenburgischen Literaturgesellschaft), Carsten Gansel (Professor für Neuere deutsche Literatur und Germanistische Literatur- und Mediendidaktik an der Universität Gießen; Sprecher der Jury), Michael Hametner (ehemals leitender Literaturredakteur und Moderator bei MDR FIGARO), René Strien (ehemaliger Geschäftsführer des Aufbau Verlages und seit 2018 Geschäftsführer des OKAPI Verlages Berlin) und Almut Thölking-Baulig (Leiterin der Kulturredaktion im NDR Landesfunkhaus Mecklenburg-Vorpommern).

Für den Uwe-Johnson-Förderpreis konnten Autorinnen und Autoren oder deren Verlage bis zum 1. März 2021 seit Anfang April 2019 veröffentlichte oder noch unveröffentlichte Arbeiten aus den Bereichen Prosa und Essayistik einreichen. Der Förderpreis würdigt herausragende literarische Erstlingswerke, in denen sich Anknüpfungspunkte zur Poetik Uwe Johnsons finden und deren Blickwinkel unbestechlich und jenseits »einfacher Wahrheiten« auf die deutsche Geschichte, Gegenwart und Zukunft gerichtet ist.

2005 wurde der Uwe-Johnson-Förderpreis erstmals verliehen. Die bisherigen Preisträgerinnen und Preisträger sind Arno Orzessek (2005), Emma Braslavsky (2007), Thomas Pletzinger (2009), Judith Zander (2011), Matthias Senkel (2013), Mirna Funk (2015), Shida Bazyar (2017) und Kenah Cusanit (2019).

Der mit 5.000 Euro dotierte Uwe-Johnson-Förderpreis wird von der Mecklenburgischen Literaturgesellschaft e.V. in Neubrandenburg gemeinsam mit dem Humanistischen Verband Berlin-Brandenburg KdöR und der Berliner Kanzlei Gentz und Partner im jährlichen Wechsel mit dem Uwe-Johnson-Literaturpreis vergeben.

Foto: Jens Oellermann

Kenah Cusanit erhält den Uwe-Johnson-Förderpreis 2019

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2017 – Shida Bazyar. Förderpreisträgerin für das Romandebüt „Nachts ist es leise in Teheran“

Die Begründung der Jury

Aus der Geschichte der eigenen Familie schöpfend, gelingt es Shida Bazyar einen Ausschnitt von Welt zu zeigen, der vor dem Hintergrund konkreter historischer Ereignisse zentrale Fragen menschlichen Seins verhandelt. Offenbar wird – wie bei Uwe Johnson –, wie der Einzelne in die gesellschaftlichen Zeitläufe hineingezogen wird. Es geht um so existentielle Fragen wie Heimat und Heimatverlust, um Verrat und Zivilcourage, um Macht und Machtmissbrauch sowie den steten Kampf um Freiheit und Selbstbestimmtheit. Bei diesen Auseinandersetzungen mögen sich die Fronten, Methoden und Zielrichtungen historisch verändern, aber gleichwohl ist jede Generation aufs Neue aufgefordert, den eigenen Weg zu finden.

Da die Zeitspanne des Erzählten von der iranischen Revolution 1979 bis zu den Protesten gegen die Bildungspolitik in Deutschland 2009 reicht, geraten unterschiedliche Schauplätze und gesellschaftliche Rahmenbedingungen in den Blick. Dabei stehen die Geschichten von vier Familienmitgliedern – Eltern und Kindern – in der Abfolge von vier Jahrzehnten im Zentrum: 1979, 1989, 1999, 2009! Die als Ich-Erzähler agierenden Figuren erinnern sich, und es wird über die puzzleartigen Rückblicke offenbar, wie sich die Lebenswelten im Iran und in Deutschland annähern, obwohl die Realitäten der ›Daheimgebliebenen‹ und der ›Exilierten‹ gleichzeitig immer stärker auseinanderlaufen.

Nach den Geschichten der Eltern, Behsad und Nahid, finden sich die Stimmen von Laleh und Morad, den Kindern, die von ihrem selbstverständlichen Leben ›im deutschen Exil‹ erzählen, dem Einser-Abitur, dem Muster-Diplom, dem Bausparvertrag oder von Claus Klebers ZDF-Weltwissen und dem Befremden, wenn der Iran und die dort verbliebene Verwandtschaft ins Bild rücken.

Durch die gelungene Erzählkonstruktion wird ein mehrdimensionaler Blick auf die Geschichte(n) geworfen. Es wird ganz im Sinne von Uwe Johnson eine ›Version von Wirklichkeit‹ angeboten, die es nunmehr zu vergleichen gilt mit jener, die die Leser ›unterhalten und pflegen‹. Abgezielt wird auf den ›unterschiedlichen Blick‹ und die Fähigkeit, die ›andere Seite mit ihren Augen zu sehen‹. Shida Bazyar erhält den Uwe-Johnson-Förderpreis 2017, weil sie in ihrem Roman ›Nachts ist es leise in Teheran‹ ein vielfältiges Panorama des Daseins zwischen unterschiedlichen Welten entfaltet und dabei einfache Antworten vermeidet.

Die Laudation von Mithu Melanie Sanyal können Sie hier herunterladen.

Zum Buch

Vier Familienmitglieder, vier Jahrzehnte, vier unvergessliche Stimmen. Aufwühlend und anrührend erzählt Shida Bazyar die Geschichte einer iranisch-deutschen Familie, die ihren Anfang 1979 in Teheran nimmt und den Bogen spannt bis in die deutsche Gegenwart. Von Behsad, dem jungen linken Revolutionär, der in der mutigen, literaturbesessenen Nahid die Liebe seines Lebens findet. Von ihrer Flucht nach der Machtübernahme der Mullahs. Und von ihren Kindern, Laleh, Mo und Tara, die in Deutschland aufwachsen und zwischen den Welten zu Hause sind.
Ein bewegender Roman über Revolution, Unterdrückung, Widerstand und den unbedingten Wunsch nach Freiheit.

Zur Autorin

Shida Bazyar, geboren 1988 in Hermeskeil, studierte Literarisches Schreiben in Hildesheim, bevor sie nach Berlin zog, um ein Doppelleben zu führen. Halbtags ist sie Bildungsreferentin für junge Menschen, die ein Freiwilliges Ökologisches Jahr in Brandenburg machen, die verbleibende Zeit verbringt sie als Autorin. Neben Veröffentlichungen von Kurzgeschichten in Zeitschriften und Anthologien war sie Stipendiatin des Klagenfurter Literaturkurses 2012 und Studienstipendiatin der Heinrich-Böll-Stiftung.

2015 – Mirna Funk. Förderpreisträgerin für ihren Debütroman „Winternähe“

2013 – Matthias Senkel. Förderpreisträger für seinen Debütroman „Frühe Vögel“

2011 – Judith Zander. Förderpreisträgerin für ihren Debütroman „Dinge, die wir heute sagten“

2009 – Thomas Pletzinger. Förderpreisträger für seinen Debütroman „Bestattung eines Hundes“

2007 – Emma Braslavsky. Förderpreisträgerin für ihren Debütroman „Aus dem Sinn“

2005 – Arno Orzessek. Förderpreisträger für seinen Debütroman „Schattauers Tochter“